
ISBN: 9783867541886
Originaltitel: Lorraine Connection.
Übersetzt von Andrea Stephani
‘Ariadne’ Argument- Verlag GmbH
April 2010 – 252 Seiten
„Es war, als wäre die ganze Fabrik eine Kulisse, und wir führten ein Stück auf, ohne es zu verstehen…“, stößt die Hauptakteurin in Dominique Manottis Geschichte „Letzte Schicht“ hilflos aus, und wir können diese Ohnmacht durchaus nachempfinden, überfällt sie uns doch täglich, wenn wir den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlagen.
Dass es in der Absicht der Autorin stand, uns einige wirtschaftliche Verknüpfungen in dieser komplizierten Welt aufzuzeigen, kann man ihr wohlwollend unterstellen.
Ihre Geschichte basiert auf einem wahren Ereignis. Sie thematisiert den Kampf um die Übernahme des französischen Rüstungskonzerns Thomson, der von den konkurrierenden Unternehmen Alcatel und Matra-Daewoo ausgetragen wurde.
Man meint ja landläufig, dass das Leben die besten Geschichten schreibe und weil es so ist, sei die Fiktion nachrangig, da sie nie das Erstaunen über das Authentische zu übertreffen vermag und deshalb könne man auch gleich auf jedwede Erklärung und Ausschmückung verzichten. In der Tat balanciert die Autorin hart am journalistischen Metier, lässt eher die Fakten sprechen, bedient sich einer schroffen, kargen Sprache.
Dieser Ausdrucksweise nicht abgeneigt bin ich jedoch grundsätzlich der Meinung, dass Faktendarstellungen in gut strukturierten Dokumentarberichten besser aufgehoben seien. Gerade eine unverblümte Darstellung lässt Einsichten entstehen, die genügend Potential in sich tragen, um beim Leser Wut und Empörung über die Skrupellosigkeit von Akteuren hervorzurufen.
Ja, natürlich besitzt Dominique Manottis Krimi seine Reize, und es ergeben sich Erkenntnisse, die anderswo sicher nicht so eindringlich entstanden wären.
Begeben wir uns zum Anfang der Geschichte. Alles beginnt mit einem Aufruhr in einer lothringischen, dem Daweoo-Konzern gehörenden Bildröhrenfabrik, einem heruntergekommenen Werk, verlustbringend und von Subventionen abhängig. Unnötig zu erwähnen, dass es mit der Arbeitsicherheit auch nicht zum Besten steht.
Eine Arbeiterin bekommt einen Stromschlag, eine andere begehrt auf und wird entlassen, was Empörung hervorruft, und als dann noch die Angestellten erfahren, dass die Unternehmensleitung dieses Jahr keine Prämien auszahlen will, steht die Fabrik still. Die Arbeiter besetzen sie, in der Hoffnung, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen, und im Lauf der Ereignisse wird die Fabrik brennen.
Aber warum sollten Arbeiter zündeln und damit ihre Arbeitsplätze vernichten?
Wie so oft sind die Arbeiter zum Spielball mächtiger Drahtzieher geworden. Nicht nur die örtliche Geschäftsleitung lenkte durch fingierte Buchungen Gelder in eine andere Zentrale um, um Mitglieder zu begünstigen und Entscheidungsträger zu schmieren, auch das Tauziehen um die Übernahme des Konzerns ruft die Gegenseite auf den Plan, um das Terrain zu sondieren.
Nicht nur Geld ist Macht, Wissen ist Macht, und Herrschaftswissen beginnt mit dem Sammeln unscheinbarer Auffälligkeiten.
Zu diesem Zwecke wird von der Gegenseite der nicht ganz unbefleckte Privatermittler Charles Montoya in die lothringische Provinz geschickt, um Material, das für eine Kompromittierung des Unternehmens ausreicht, zu beschaffen. Und seine Erfolge muten den Leser wie ein Durchmarsch an.
Die Arbeiter zu dumm, um zu begreifen, die Polizei dümmer als ihr erlaubt ist, die regionalen Spitzen korrumpiert und erpressbar.
Geschichte kann man ja immer als Geschichte von Einzelinteressen begreifen, welche sich kreuzen, aufdrängen, versiegen, sie werden dirigiert und katapultiert, und im Ergebnis denkt man oft, das habe keiner so gewollt oder vorhersehen können. Mit der Autorin begreifen wir, wie ungleich von Anfang an ihre Gewichtung ist und wie chancenlos einige ins Rennen gehen.
Rührend, wie die Arbeiter aufbegehren, so planlos, so ziellos, so haltlos.
Der marode Betrieb nicht im Fokus der Gewerkschaft. Dabei wäre sie die Institution, die ihrerseits Wissen sammeln und einsetzen könnte, um in diesem ungleichen Spiel wenigstens ein paar Fäden in der Hand zu halten. Aber bei Dominique Manotti, die übrigens von 1976-1983 Generalsekretärin die Pariser Sektion der CFDT war, steckt da sicherlich Kalkül dahinter, wenn sie ihre Rolle so reduzierte.
Andere wissen um das Spiel und wissen, wann sie eingreifen müssen. „Was kann ein Streik gegen die Deals der Finanzwelt ausrichten?“, resümiert der Vertreter des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, als er liest, wie sich Thomsonmitarbeiter gegen die Übernahme wehren. Diese Strippenzieher, so selbstbewusst und so sicher, sind längst konditioniert, wo die wirklichen Gefahren lauern und wen man z. B. mit Arbeitsplatzverspechen um den Finger wickeln kann.
„Wenn die Subventionsgeber so dumm sind und trotzdem weiterhin Subventionen verteilen, ist das ihre Sache.“
Und noch ein kleiner Hieb an eine andere Adresse: „Unternehmensfinanzierung bleibt ein abstraktes Thema, und die Journalisten verstehen kein Wort.“
So entfernt erscheinen staatliche wie andere gesellschaftliche Kontrollinstanzen, dass in der „freien“ Marktwirtschaft nur noch den Konkurrenten zugetraut wird, ihnen gefährlich zu werden. Um zu agieren, braucht man Informationen und Kontakte d.h. „…man muss die wahren Netze der Macht kennen.“
Nicht nur Geld ist Macht, organisierte Gewaltausübung gehört auch zur Macht.
Das sind Erpressung, Einschüchterung, Mord.
Diese Methoden waren schon immer gängige Praxis, um bei der Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen nachzuhelfen, aber dass ihre Akzeptanz in den höchsten Wirtschaftskreisen nicht mal den Hauch eines moralischen Bedenkens auslöst, verwundert immer wieder oder schon lange nicht mehr. Längst sind nicht nur auf regionaler Ebene viele Unternehmen mit der Mafia verwoben. Wie die Verquickung von Oberwelt und Unterwelt geschieht, können wir anschaulich erleben. Und wer will dem Kreislauf des Geldes seine ursprünglichen Quellen ansehen? Ganz selbstverständlich, bei der Jagd oder anderen Vergnügungen, treffen sie sich, erteilen Aufträge oder nehmen sie entgegen und der unliebsame Gegner oder Mitwisser erhält beim Aperitif sein Todesurteil, für dessen Vollstreckung gedungene Mörder bereitstehen.
Auch wenn diese Mechanismen der Macht in der einen oder anderen Weise nicht unbekannt erscheinen, erzeugt doch ihre komplexe Darstellung beim Leser eine besondere Eindringlichkeit.
Zu den interessantesten Aspekten des Krims gehört es, das Denken bis in die obersten Führungsetagen zu verdeutlichen.
Immer wieder findet sich in der Presse, in den Zeiten der Finanzkrise, nach all diesen Bankdesastern die Frage, wie denn das maßlose Handeln von Unternehmern und Bankern zu erklären sei. Und es fällt die stereotype Antwort: Gier. Und manchmal auch das Wort: Spiel.
Dominique Manotti analysiert auch die strukturellen Abhängigkeiten dieser Verhaltensweisen. „Wir sitzen am Spieltisch und wollen gewinnen.“
Insgesamt würde ich kritisch sehen: Da Dominique Manotti sehr auf vielseitige Faktendarstellung orientiert ist, verliert die psychologische Ausarbeitung der Figuren. Z.B. wurde die Protagonistin, diese starke Frauenfigur, diese stolze Schöne, nur in ihren Ansätzen belassen, die Polizei als eine Deppenmannschaft karikiert, und manchmal wurden mir auch einfach zuviel Leute in die Luft gejagt.
Und dennoch. Auch Krimileser lieben das Spiel. Wenn in diesen Tagen die Krimileserschaft beschäftigt, warum der Augensammler Augen sammelt, sei es angemerkt, dass Fitzeks Thriller gegen Manottis Krimi wie ein biederer Volksschwank wirkt.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Dominique Manotti für ihren Kriminalroman mit dem Ducan Lawrie International Dagger 2008 geehrt wurde. Dabei stach sie AutorInnen wie Fred Vargas, Stieg Larsson und Andrea Camilleri aus. Könnte man das als Indiz werten, dass angesichts schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse das Bedürfnis nach Kriminalromanen mit authentischem Bezug zunimmt?
Na, es muss ja nicht immer gleich noir sein.
Henny Hidden